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Osterferien 1997 - Interkulturelle Osterfahrt nach Polen Drucken E-Mail
Geschrieben von Marcel   
„Polen" wählten wir als Thema einer Veranstaltung aus, da die meisten Kinder und Jugendlichen nur sehr wenig über unser Nachbarland wußten, und das Wenige erschöpfte sich meist in Vorurteilen. Spätestens seit der Existenz des sogenannten "Polenmarktes" sind antipolnische Stimmungen bei einem Teil der deutschen Bevölkerung zu vernehmen. Die Konkurrenz auf dem deutschen Arbeitsmarkt durch polnische Arbeitsemigranten hat in einer Zeit hoher Arbeitslosigkeit bei uns auch nicht zu einem positiven Stimmungswechsel beigetragen.

Von einem normalen nachbarschaftlichen Verhältnis mit der Kenntnis um die Geschichte, Gegenwart und kulturelle Eigenheiten des anderen sind Deutsche und Polen noch weit entfernt. Mit Deutschland und Polen nähern sich, anders als beim deutsch-französischen Verständigungsprozeß Anfang der 60er Jahre, nicht zwei industriell sehr ähnlich entwickelte Länder an. Deutschland, eins der größten Industrieländer der Welt, trifft auf Polen, das sich gerade auf dem Weg von der Planwirtschaft zur sozialen Marktwirtschaft befindet, mit all den Problemen, die dieser Prozeß mit sich bringt. Wir wollten die unterschiedlichen materiellen Lebensverhältnisse unter Berücksichtigung der ungleichen geschichtlichen Entwicklungswege der beiden Länder erarbeiten. Dadurch versuchten wir fremd erscheinende Verhaltensweisen und Problemsituationen zu erklären.

Während sich unsere Bildungsmaßnahmen in den Sommer- und Herbstferien eher an Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 10 - 15 Jahren richten, wollten wir mit dieser Fahrt den Teilnehmerkreis der 14 - 20 Jährigen ansprechen, die größtenteils als Gruppenleiter in der KSJ tätig sind. 23 Teilnehmer hatten sich für die Fahrt angemeldet. Die gemeinsame Vorbereitung ermöglichte es jedem Teilnehmer, seinem Alter, seinen Fähigkeiten und seinem Interesse entsprechend für Teilbereiche Verantwortung zu übernehmen und half so zu einer Identifizierung mit der Veranstaltung beizutragen. Die inhaltliche Vorbereitung der einzelnen Programmpunkte haben die älteren Teilnehmer übernommen, die damit auch für die Gesprächsleitung im Rahmen des Besuches oder der Besichtigung und die damit verbundene Vorbereitungseinheit verantwortlich waren. An der Vorbereitung der etwa 15 Kurzreferate haben sich auch die jüngeren Teilnehmer beteiligt.

Nach dem Anmeldeschluß waren alle Teilnehmer an sämtlichen Absprachen gleichberechtigt beteiligt. Alle Vereinbarungen, z.B. über die Stadtbesichtigungen in Kleingruppen, den Aufenthalt in den Hotels, die Nachtruhe und die freie Beschäftigung, konnten nur einstimmig getroffen werden, alle Entscheidungen über das Programm möglichst einstimmig, aber zumindest mit einer großen Mehrheit. Alle Vereinbarungen, abgesehen von den gesetzlichen Vorschriften im Zusammenhang mit dem Jugendschutzgesetz, galten für alle Teilnehmer unabhängig ihres Alters. Verstöße gegen die gemeinsam getroffenen Vereinbarungen haben die Teilnehmer ggf. nicht nur gegenüber dem Leiter der Veranstaltung, sondern gegenüber allen Teilnehmer zu verantworten, die sich an diese Vereinbarung gehalten haben.

Die Kurzreferate und die Filme während der Busfahrt nach Warschau ermöglichten den Teilnehmern einen kleinen Überblick über die Lebenssituation in Polen und die Stationen der Fahrt.

Nach einem kleinen Stadtrundgang durch Warschau gab Herr Dieter Birkenmeyer von der EU-Kommission in Warschau einen kurzen Überblick über die Aufgaben der EU-Kommission in Polen, die Voraussetzungen für die Aufnahme Polens in die EU, die NATO-Ost-Erweiterung, das Staats-, Sozial- und Wirtschaftssystem in Polen im Vergleich zu den EU-Mitgliedsstaaten, den Umweltschutz und die wirtschaftlichen Probleme einzelner Branchen und Regionen.

Am nächsten Morgen führten uns die Leiterin der Pressestelle und zwei Ingenieure durch das Fertigungs-Werk von General Motors in Warschau, das 1995 erbaut wurde und in dem 200 Menschen beschäftigt sind, und erklärten dabei die Rolle des Standortes Polen und den Produktionsablauf.

Das Gespräch mit Schülerinnen und Schülern einer Klasse, die nach einem Jahr intensiven Deutschunterrichtes bis zum Abitur in vier Fächern deutschsprachig unterrichtet werden, lief in den ersten Minuten sehr schwerfällig an und entwickelte sich erst kurz vor Ende in eine relativ ungezwungene Unterhaltung. Auf große Verwunderung und auch Bewunderung stießen die Methoden unserer außerschulischen Jugendverbandsarbeit, die dadurch auffielen, daß sowohl die Lehrerin wie auch die Schüler zu Beginn des Gespräches einen verantwortlichen Lehrer suchten. Während eines Rundgangs durch den mit drei Jahren ältesten Hit-Markt in Polen gab Herr Olschinski, der stellvertretende Marktleiter, den Jugendlichen sehr praxisbezogen und dadurch leicht verständlich einen Überblick über die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Polen und zog bei seinen Erläuterungen Deutschland als Vergleich heran.

Als nächster Gesprächspartner stand uns der Leiter des deutschsprachigen Programms von Radio Polskie zur Verfügung. Nach einem kurzen Rundgang durch die Redaktion und Hörfunkstudios beantwortete er die Fragen zu den Themen Medienlandschaft in Polen im Vergleich zu Deutschland, Rolle der Medien bis 1989, Bedeutung der Medien im Wahlkampf, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme in Polen. Zwei Teilnehmer wurden zu einem Interview gebeten, in dem sie ihre Eindrücke in Polen für das deutschsprachige Programm schildern sollten.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen standen uns Herr Jürgen Vietig, ARD-Hörfunkkorrespondent in Warschau, und Herr Rafal Wolski, Assistent des Bürgermeisters, als Gesprächspartner zum Thema "Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs" zur Verfügung.

Auf der Weiterfahrt Richtung Krakau legten wir in Czestochau einen Zwischenstop ein. Während des Rundgangs durch die Klosterkirche und das Museum informierte uns ein Mönch über einige Aspekte des kirchlichen Lebens in Czestochau.

Am fünften Tag hat sich die Gruppe nach einem Rundgang auf den Wawelberg und durch die Altstadt von Krakau mit Frau Beata Zaba auf dem Marktplatz verabredet. Wir hatten sie gebeten, uns auf den "Spuren" Oscar Schindlers im jüdischen Viertel Kazimierz die Situation der Juden in Krakau in der Geschichte und Gegenwart zu erläutern. Die Synagoge und das Museum für Geschichte und Kultur der Juden in der alten Synagoge sowie andere Stationen auf dem Rundgang haben den Teilnehmern Einblicke in eine Religion und Kultur ermöglicht, die sie sonst höchstens aus dem Religions- oder Geschichtsunterricht kannten.

Herr Josef Grabowski schilderte uns während eines Rundgangs durch das Salzbergwerk Wieliczka, daß die laufenden Kosten heute nur noch durch den Tourismus und die Nutzung als Kunststätte und Sanatorium sowie für sportliche und kulturelle Veranstaltungen gedeckt werden können, nachdem die Salzgewinnung aufgrund zu hoher Kosten und gesunkenen Weltmarktpreisen eingestellt werden mußte.

Einen ganz anderen Eindruck hinterließ der Besuch der Gedenkstätte Auschwitz bei den Jugendlichen. Der Rundgang im Konzentrationslager wurde von einem Film eingeleitet, den die alliierten Truppen im Mai 1945 bei der Befreiung gedreht hatten. Die meisten Gebäude, Stacheldrähte, Wachtürme und das Eingangstor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" konnten trotz der Bemühungen der Nazis, die Gebäude kurz vor der Befreiung zu zerstören, erhalten werden. Bereits ein gutes Jahr nach der Befreiung wurde das Museum eröffnet. In einem Teil der Gebäude werden Urkunden, Briefe und andere "Ausstellungsstücke", die nach der Befreiung gefunden wurden, gezeigt. Die mit Bekleidungsstücken, Koffern, Zahnbürsten, Prothesen und sogar Menschenhaaren gefüllten Räume können ein wenig das Ausmaß der schrecklichen Massenvernichtung verdeutlichen. Die Referentin hat ihre Erläuterungen mit einigen kurzen Zitaten aus Dokumenten und Gedichten von Augenzeugen ergänzt. Während der Busfahrt nach Breslau setzten wir uns nach etwa einer Stunde zu einem Gespräch zusammen, das den Austausch persönlicher Eindrücke der Jugendlichen nach der Besichtigung ermöglichen sollte. Nach dem Besuch einer Sonntagsmesse sind wir mit dem Reisebus nach Hirschberg im Riesengebirge gefahren, um dort Frau Mariola Malerek Iburg zu treffen. Sie ist eine wissenschaftliche Mitarbeiterin an der wirtschaftlichen Hochschule in Hirschberg und promoviert gerade zu dem Thema Marketing im Tourismus. Auf einer kleinen Wanderung und Rundfahrt durch das Riesengebirge informierte sie die Jugendlichen über Strukturförderungs- und Marketingprojekte für den Tourismus zur Wirtschaftsförderung in Schlesien am Beispiel des Naturparks Karkonosze.

Unsere Zielsetzung, mit der Bildungsveranstaltung den Jugendlichen Möglichkeiten zu bieten, die Menschen und deren Lebenssituationen und -perspektiven in Polen kennenzulernen, konnte erfolgreich umgesetzt werden. Die Begegnungen, Gespräche und Besichtigungen in Polen erleichterten und ermöglichten vielen erst einen Überblick über die Lebenssituationen in Polen, den (internationalen) Gedankenaustausch und somit den heute sehr wichtigen interkulturellen Lernprozeß. Darüber hinaus lernten die Jugendlichen, sich mit einer anderen Kultur auseinanderzusetzen, die Unterschiede zur eigenen zu verstehen und zu akzeptieren und ggf. die eigenen Vorurteile abzubauen.

Es ist uns unter Berücksichtigung des relativ kurzen Aufenthaltes von 7 Tagen in Polen sehr gut gelungen, im Rahmen der Gespräche, Besichtigungen und Begegnungen über die Geschichte, Gegenwart und die kulturellen Eigenheiten der Polen zu informieren und damit die uns fremd erscheinenden Verhaltensweisen und Problemsituationen erklären und verstehen sowie die vielen Gemeinsamkeiten entdecken zu lernen. Zudem haben die Erfahrungen in Polen auch dazu geführt, Probleme in unserem eigenen Land anders einzuschätzen und die Bereitschaft zu fördern, sich auch durch persönliche Opfer aktiv an deren Bewältigung zu beteiligen. Damit wäre der interkulturelle Lernprozeß erfolgreich eingeleitet worden, daß Menschen verschiedener kultureller Herkunft sich austauschen und dadurch voneinander lernen statt die eigene Kultur unreflektiert als richtiger oder besser zu bewerten. Der gemeinsamen Vorbereitung im Team ist es vermutlich mit zu verdanken, daß auch bei den Programmpunkten, die nicht nach unseren Vorstellungen gelaufen sind, insbesondere der Besuch in Czestochau und das Gespräch in der Schule, weder einzelne Teilnehmer noch die ganze Gruppe gemeckert haben oder sich dadurch die Stimmung unter den Teilnehmern verschlechtert hat. Alle Kritikpunkte im Rahmen der Reflexionen waren sehr sachlich und auch begründet. So bedauerten die Jugendlichen nach dem Besuch der Schule, daß dieser viel zu kurz war. Trotzdem hätten sie auf diesen Programmpunkt nicht verzichten wollen, wenn die Dauer uns vorher bekannt gewesen wäre.

Die Fahrt bot darüber hinaus eine ideale Möglichkeit, in den unterschiedlichsten Lebensbereichen und Aktivitäten ganzheitliche Gemeinschaftserfahrungen in einer Gruppe zu sammeln. Die Jugendlichen lernten "spielerisch" im Alltagsleben der Fahrt die Voraussetzungen für eine Gemeinschaft kennen und anwenden. Die gute Stimmung kann neben der Zufriedenheit mit dem Programm auch als Ergebnis bisheriger Gemeinschaftserfahrungen im Rahmen anderer Veranstaltungen der KSJ gewertet werden. Die Befähigung zum eigenverantwortlichen Handeln, z.B. durch die Vorbereitung eines Gespräches oder die Übernahme anderer Aufgaben, und der qualifizierte Umgang mit Konflikten waren zudem wichtige Ziele. Durch die persönlichen Erfahrungen der Jugendlichen versuchten wir, wichtige Schlüsselqualifikationen zu vermitteln. Dazu gehören neben einer Kultur- und Weltoffenheit auch Selbständigkeit, Kreativität, soziale Kompetenz, Team- und Kommunikationsfähigkeit, Kritikfähigkeit und -bereitschaft, Organisationstalent, Zukunftsorientierung, Lernbereitschaft, Einarbeitungsfähigkeit in neue Aufgaben und Problemstellungen und die Fähigkeit, komplexe Probleme strukturieren zu können, sowie die Sensibilität für ihre Mitmenschen und die Umwelt.