| Osterferien 1998 - Osterfahrt nach Andalusien (Bericht von P. Adrian Kunert SJ) |
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| Geschrieben von N.N. (vgl. Artikel) | |
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Ostererfahrungen in fremdartiger Religiosität, südländischer Kultur und grandioser Natur Als uns die Sonne durch dicke Wolken hindurch wecken wollte, mußten wir ihr schon nachhelfen, damit auch die letzten der 41 Schläfer wach wurden; denn das erste Frühstück in Ausläufern der spanischen Pyrenäen sollte keiner verschlafen, erwartete uns doch mit Barcelona die expandierende, katalanische Metropole mit all ihren Sehenswürdigkeiten, wie zum Beispiel der Sagrada Familia, einer Kathedrale Gaudis, des bedeutendsten zeitgenössischen, spanischen Baumeisters. Ein Tag und eine Nacht französischer Autobahnen, 1.300 km, lagen hinter uns und noch 1.000 km spanische Strecke vor uns. Dichte Wolken bedeckten auch die katalanische Hauptstadt. Barcelona zeigte sich den Jugendlichen leider in all seinen Facetten und Programmpunkten nicht im besten Licht. In Ronda schlugen wir zum ersten Mal unsere Zelte in Andalusien auf. Die Wegweiser vor unserem Lager halfen uns schnell, zu begreifen, wo wir sind, circa 2.500 km von Berlin entfernt und 160 km von Nordafrika. Diese Region war jahrhundertelang vom Ringen zwischen Christen, Juden und Moslems geprägt worden. Von unseren jeweiligen Basislagern aus erkundeten wir die kulturellen und religiösen Eigenarten der Umgebung. Die allmorgendlichen Impulse orientierten sich an den Lesungen der Karwoche bzw der Osternacht. P. Gundolf Kraemer SJ und ich versuchten die Jugendlichen damit geistlich für die Eindrücke aufzuschließen, die sie am jeweiligen Tag religiös, sportlich und kulturell erwarten würden. Interessant war, wie es die einzelnen im Ferienalltag schafften, sich in die Gesamtgruppe und ihre Aufgaben einzubringen. Es kam aber andererseits auch immer wieder zu Verzögerungen, die zumeist dadurch entstanden, daß das Gespür für das rechte Verhältnis von Interessen der Gesamtgruppe und den persönlichen Bedürfnissen nicht allen immer gegenwärtig war, vor allem morgens nicht. Alles, was an Arbeiten auf so einer Reise anfiel, wurde ja von uns organisiert und bewältigt. Es ist klar, daß dies einigen Sprengstoff barg; denn nicht alle müssen zu Hause kochen, abwaschen, einkaufen und all die anderen Alltagsgeschäfte selber erledigen. Ohne die Bereitschaft zu Kooperation und ohne Teamgeist wäre so eine Fahrt deswegen auch nicht durchführbar. Die Fahrradtouren und Wanderungen übten als sportliche Elemente auch diesmal eine große Anziehungskraft auf die Jugendlichen aus. Sie führten uns an verschiedenen Tagen durch abwechslungsreiche, grandiose Landschaften und zugleich durch die Höhen und Tiefen menschlicher Motivation. Selbst bei der ersten Fahrradetappe von nur 40 km (Ronda - Cueva de la Pileta - Ronda) konnte man drei bis vier völlig verschiedene Landschaften bewundern und die Fahrradgruppen zwischen totaler Motivation und schierer Verzweiflung schwanken sehen, wenn uns zum Beispiel ein roter Seat Cordoba überholte und uns zwei Photographen (Marcel und Peer) wiederholt Mut zusprachen, weil wir gleich den Gipfel und damit das Ziel der Strecke erreicht hätten. Das Spiel wiederholte sich dreimal und nicht alle konnten ihre innere Ausgeglichenheit bewahren. Aber alle kamen aus eigener Kraft und gemeinsam ans Ziel, wuchsen so ein Stück weit mehr über sich hinaus und mit der Gruppe zusammen. Ebenso ging es den Wanderern. Durch unberührte Landschaften, eine fremdartige Tier- und Pflanzenwelt und das Auf und Ab der Wanderfreude führten ihre Wege. Und die Gemeinschaft wuchs durch die gegenseitige Rücksichtnahme, gerade auch in Verantwortung für die Schwächeren, weiter zusammen. Die fremdartige Kultur und Religion faszinierten die Gruppe besonders. 800 Jahre Islam gingen nicht spurlos an den Formen christlichen Glaubens und seiner kulturellen Ausdrucksformen vorbei. Gesang, Baustil und Verhalten gerade der Andalusier sind bis heute tief geprägt von der Maurenherrschaft, die hier unter den Nasriden gut 200 Jahre länger als im übrigen Spanien andauerte. Das malerisch gelegene Arcos de la Frontera, die vorletzte Bastion der Mauren in Spanien, war nach den Gebirgsetappen der Sierra de Grazalema die erste Stadt, die wir besuchten und an deren Fuß wir zelteten. Doch der kulturell erste Höhepunkt der Reise war Sevilla, die Stadt der blühenden Orangen- und Zitronenbäume. In der dortigen Jesuitenkirche feierten wir die Palmsonntagsliturgie noch ganz deutsch und vertraut. Doch anschließend gingen wir in die Stadt und tauchten ein in eine Kultur, die katholisch geprägt und doch so fremd war. Denn die Andalusier drücken ihre Religiosität am liebsten in Prozessionen aus. Und es war schon beeindruckend, wenn die lange Reihe vollständig verhüllten Nazarener mit ihren Kerzen oder Kreuzen unter den Klängen einer getragenen Musik vorbeizog und wenn sich dreißig bis vierzig Männer mühten, die Pasos zu tragen, jene vergoldeten, filigran geschnitzten Tragebühnen, auf denen Szenen der Kar- und Ostertage in überbordender, barocker Kunst dargestellt waren. Sobald das Ende einer der bis zu vierzehn Stunden dauernden Prozession kam - also der Paso mit der Jungfrau Maria -, konnte man fast sicher sein, daß irgendwo jemand begann, die „Virgen" auf dem Paso in einem inbrünstigen, vom Flamenco beeinflußten, kurzen Lied, einer Saeta, zu grüßen. Cordoba, die im Mittelalter drittgrößte Stadt der Welt mit fast einer Million Einwohnern, bot einen spannenden Eindruck von der friedlichen Koexistenz der drei Religionen, die sich in irgendeiner Weise auf Abraham beziehen. Die Mezquita, diese riesige ehemalige Moschee Cordobas, drückt auf eindrucksvolle Weise das In-, Nach-, Gegen- und Miteinander der verschiedenen Religionen aus. Die muslimischen Erbauer sammelten im ganzen Land die Säulen antiker Bauten, griffen die spezielle römisch-gallische Art Bögen zu bauen auf und entwickelten sie in Erweiterungsbauten zur Mezquita zu einem Stil weiter, wie er sich dann in der ganzen arabischen Welt als unverkennbarer, arabischer Stil ausbreiteten sollte. Mitten hinein setzten dann nach der Rückeroberung Spaniens die neuen christlichen Herren eine himmelstrebende christliche Kathedrale, die den alten, gewachsenen Bau aufriß und mit ihm zu einer Spannungseinheit verschmolz, die sich meines Erachtens auch in den Seelen der Spanier wiederfindet. Doch den eigentlichen Schwerpunkt der Reise bildete unsere gemeinsame Vorbereitung und Feier der Kar- und Ostertage in einem Selbstversorgerhaus bei Granada. Täglich, seit Beginn unseres Aufenthalts in Barcelona, hatten wir ja den Tag mit einem geistlichen Impuls begonnen. Die Reflexion am Ende jeden Tages versuchte dann, den Morgenimpuls mit den vielfältigen Erfahrungen und Einsichten zu verbinden und religiös in Beziehung zu setzen mit dem Ziel menschlichen Lebens, dem Streben nach Gott. In Granada bot sich nun Gelegenheit, die Erfahrungen der gemeinsamen Tage zu bündeln und in die Vorbereitung der heiligen drei Tage münden zu lassen. Sie begann mit der selbstgestalteten Liturgie des Gründonnerstag. Christliche Wurzeln aufgreifend, flossen in unsere Abendmahlsfeier Elemente der jüdischen Paschafeier ein. Es war fast greifbar, daß das Erinnern an diesem Tag nicht ein intellektueller Akt war, sondern ein Gegenwärtigsetzen dessen, was unser Leben als Christen im Tiefsten prägen sollte. Den Kreuzweg des Karfreitags hatten vier Jugendliche bereits in Godesberg vorbereitet. Wir konnten ihn nun im hauseigenen Ölberg beten, der zu Füßen unseres Hauses zur Straße hin abfiel, und uns in die Nachfolge Jesu stellen. Die Herbheit der Karfreitagsliturgie haben wir bewußt nicht gemildert. Der nackte Raum und das blanke Holzkreuz auf dem Steinfußboden hinterließen sicher ihre eigenen Spuren im Bewußtsein der Jugendlichen. Das Geschehen des Todes unseres Herren unterstrich dann zu Beginn der Nacht ein einsetzender Schneesturm. Am Samstag morgen hatten sich die Jugendlichen in verschiedenen Gruppen zusammengefunden, um ihren Beitrag zur Feier von Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus vorzubereiten. Denn diese Feier kann nur dann richtig gefeiert werden, wenn wir selbst es sind, die mit Jesus leiden, sterben und auferstehen. Lange nahmen wir uns Zeit, die Zeichen, Traditionen und Bibelstellen dieser Nacht zu erklären, auszusuchen und in Zeichen, Raumgestaltung und Liedern umzusetzen. Selbst die Osterkerze hatten wir selber gemacht. Noch in Bonn gegossen wurde sie hier nun wie auch der Raum für die Feier festlich geschmückt. Den Übergang vom Tod zum Leben unseres Herren begannen wir noch vor dem Morgengrauen zu feiern. Den Jugendlichen wird diese Osternacht noch lange in guter Erinnerung bleiben. Die Stimmung des nur durch Kerzen erleuchteten Geschehens kann man kaum wirklich beschreiben. Und am Auferstehungssonntag ging uns nach drei kalten und teilweise verregneten Tagen die Sonne auf. Nach einem gemeinsamen Frühstück machte so das Ostereiersuchen zwischen den alten Ölbäumen am Fuße der Sierra Nevada doppelt Spaß. Ohne Zweifel wird man sagen können, daß diese Fahrt ein voller Erfolg war. Die Jugendlichen hatten nicht nur ihren Spaß, sie konnten auch neben den sportlich-kulturellen Eindrücken an den Wurzeln menschlichen Fragens nach dem Sinn ihres Lebens suchen, indem sie sich auf die Grundlagen unseres Glauben einließen und nach der Bedeutung der christlichen Botschaft für das eigene Leben fragten. Sicher wäre bei einer klassischen Form der Feier lediglich ein kleiner Teil der Jugendlichen erschienen, und es wäre ihnen eine Chance verloren gegangen, von der sie nicht einmal geahnt hätten, daß sie bestand. P. Adrian Kunert SJ |