| Sommerferien 2000 - Der Weltjugendtag (Bericht von Britta Tilgner) |
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| Geschrieben von Britta Tilgner | |
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„Apriamo le nostre case! - Wir öffnen unsere Häuser!"
Keiner hätte sich vorstellen können, was man gegen Ende der Sommerferien noch erleben kann, wenn jedermann eigentlich schon den ersten Schultag, die neuen Lehrer, den neuen Stundenplan und die ersten Klassenarbeiten vor Augen hat. Auch die 29 Teilnehmer der Italienfahrt zum Weltjugendtag wussten wohl kaum, wozu sie sich da Ende März angemeldet hatten. Zu entscheiden, ob die erholsamen Tage in der Toskana zu Beginn der Fahrt oder die südländisch lebendige Metropole uns besser gefallen haben, verlangt sicher allen Teilnehmern zu viel ab. Am Mittwoch nachmittag der letzten Ferienwoche stiegen wir hier in den Bus, einige noch müde, kurz vorher aus dem Urlaub wieder gekommen, andere eher gelangweilt, aber alle erwartungsvoll. Am nächsten Morgen schlugen wir bereits südlich von Florenz unter italienischer Sonne und klarem blauem Himmel unser Lager auf. Die ersten Tage genossen wir ein abwechslungsreiches Programm, gut gemischt aus erfrischenden Schwimmbadaufenthalten und kulturellem Programm, zu dem San Gimignano, Florenz und Siena gehörten. Auch den schiefen Turm von Pisa als touristisches Muss der Gegend haben wir uns nicht entgehen lassen. Die Chiantihügel der Toskana haben wir nicht nur gesehen, sondern natürlich auch eine Kostprobe des guten Rotweins genommen. Überhaupt, kulinarisch war es sicherlich für alle Pizza- und Pastafans eine wertvolle Reise. Aber über die Toskana lässt sich viel schreiben, was man genauso gut einem Reiseführer entnehmen könnte. Viel lohnenswerter ist es, den Versuch zu starten, vom Weltjugendtag einen Eindruck zu vermitteln, auch wenn das noch lange nicht mit der aktiven Teilnahme an einem solch einmaligen Erlebnis vergleichbar ist. Der Weltjugendtag 2000 versammelte 2 Millionen Jugendliche in Rom, so viele, wie kein Weltjugendtag zuvor. Die an sich für Chaos bekannten Italiener hatten dieses Großereignis aber erstaunlich gut organisiert, wie wir letztendlich feststellten. Allerdings merkte man das nicht sofort, denn die Vermittlung und Organisation in der Unterkunft spiegelten genau die italienischen Klischees wider. Zum Programm des Weltjugendtages gehörten neben dem Jubiläumspilgerweg und der Treffen aller Pilgerer zur Gestaltung eines Nachmittags, vormittags so genannte „Catechesi", getrennt nach Sprachgruppen; gemeint waren Reflexionen über einen biblischen Text und anschließend die gemeinsame Feier einer Messe. Schon diese Messen hatten einen so lebhaften Charakter, dass es mir um so ernüchternder schien, als ich eine Woche nach unserer Rückkehr hier an einem Schulgottesdienst der Oberstufe teilnahm, der spärlich besucht war und ein eher trübes Bild vermittelte. Davon konnte man in Rom, also besser gesagt in Palestrina (die kleine Stadt südlich von Rom, in der wir untergebracht waren) ganz und gar nicht sprechen. Allein schon, dass alle Kirchenbesucher Jugendliche waren, ist etwas Außergewöhnliches. Es waren dann auch noch gleich so viele, dass nicht nur alle Bänke bis auf den letzten Platz besetzt waren, sondern auch der Mittelgang noch herhalten musste. Jedes Fleckchen, auch im Altarraum, wurde zur Sitzfläche umfunktioniert. Der Gesang, der von einer Band unterstützt wurde, war so lebhaft, dass der Priester nach dem Einzugslied verkündete, er wolle von nun an immer an diese Messe zurückdenken, wenn er wieder einmal eine Messe bei Leuten lesen solle, die kaum einen Funken dieser Lebensfreude zeigen würden. Mit dieser Äußerung erntete er noch einmal tosenden Beifall unter den Jugendlichen. Die Messen am Morgen waren alle von dieser Stimmung geprägt: Mitgerissen von den fröhlich feiernden Jugendlichen klatschten nicht selten die Priester eifrig den Takt der Lieder mit. Und selbst wenn schon längst alle abgedruckten Strophen gesungen waren, schwieg die kleine Dorfkirche von Palestrina noch lange nicht. Deutlich merkte man auch den Weltjugendtag in der Stadt selber. Das Zentrum Roms, sowie alle Sehenswürdigkeiten hatten die Jugendlichen für diese Tage in Beschlag genommen. Normale Touristen waren eher die Stecknadel im Heuhaufen und wenn man sie traf, waren sie ganz verwundert. So sprach mich ein Spanier in der U-Bahn an, warum denn die Stadt so voll sei und was gerade so viele junge Leute hierher führe. Ja, es war die Feier des Jubiläumsjahres 2000, zu der „Papa Giovanni Paolo II" die Jugendlichen der Welt eingeladen hatte. „Apriamo le nostre case! - Wir öffnen unsere Häuser!" und „il verbo si feche carne! - Das Wort ist Fleisch geworden!", konnte man auf Plakaten in der ganzen Stadt lesen. Und es wurde wirklich gefeiert: Aus allen Straßen und Gassen hörten wir Gesänge, Klatschen und Sprechchöre und hinter der nächsten Ecke sahen wir wieder nichts als die blauen Taschen und die bunten Tücher, mit denen alle Teilnehmer des Weltjugendtages ausgestattet worden waren. Aber diese Atmosphäre begann nicht erst auf der „Piazza Navona" oder vor dem „Colosseo", sondern schon beim Einstieg in die prall gefüllte Metro; so kam man mit Jugendlichen aus Frankreich, Spanien, Italien, England - einfach ganz Europa - sowie mit Teilnehmern aus Chile, Canada, Syrien oder den Südamerikanern ins Gespräch. Einfach irre! Genauso wenig endete dieses Flair in der „Basilica San Pietro" oder im Zug zurück zu unserer Unterkunft in Palestrina. Kurz: Jeder noch so unbekannte Winkel der Stadt jubelte! Nicht zu vergessen natürlich die geplanten - oder viel öfter - spontanen Freilichtkonzerte von Chören oder Bands aus aller Welt auf allen öffentlichen Plätzen des Zentrums. Rasch wuchsen die neugierigen drei Zuschauer zu einer begeistert miteifernden Traube von Jugendlichen an, die sang, klatschte und nicht selten anfing zu tanzen. Wir machten unzählige Bekanntschaften in allen Sprachen auf den Straßen ebenso wie in der Metro oder im Bus und wir begannen sogar auf Postkarten oder Tüchern Unterschriften von Teilnehmern des Weltjugendtages aus aller Welt zu sammeln. Unter den mehr oder weniger spirituellen Gesängen, die aus nahezu jeder Gasse kamen, hörte man auch hin und wieder die eigens dafür kreierte Hymne des Weltjugendtages „Emmanuel". Plakate, T-Shirts, Taschen, Tücher, Pullover, Anstecker, Pilgerhefte, Sonnenhüte, Aufkleber und viele weitere Artikel mit dem Logo und Leitspruch des Weltjugendtages waren in millionenfacher Auflage in der ganzen Stadt verteilt, sodass es mir ein Rätsel bleibt, wie trotzdem jemand bis zum vorletzten Tage des Weltjugendtages nicht mitbekommen hat, was los ist und deshalb über das fröhliche, ausgelassene Gesicht, das die Stadt ihm in dieser Woche zeigte, erstaunt war. Nicht zu vergessen natürlich, dass das Wetter seinen guten Teil dazu beitrug, was den ein oder anderen überlegen ließ, wann er denn die drei langen Hosen und die vier Pullover tragen werde, die er im Godesberger Klima eingepackt hatte. Aufgrund der Temperaturen ging hier natürlich ohne Wasser gar nichts: allein bei der Abschlussveranstaltung wurden zusätzlich 12 Millionen Flaschen Wasser von den „Volontari" an die Teilnehmer verteilt. Zur Durchführung dieses Großereignisses hatten sich nämlich 25.000 mehr oder weniger qualifizierte „Volontari", also Freiwillige, gemeldet. Alle waren motiviert, auch wenn die wenigsten uns weiterhelfen konnten, weil anscheinend noch nicht mal jeder zweite Freiwillige die Bedingung der fließenden Beherrschung mindestens einer Fremdsprache erfüllte. Allein am „Tor Vergata" wurden für die ca. 2 Millionen Teilnehmer 14000 Toilettenhäuschen bereitgestellt. Die Versorgung aller Teilnehmer, insbesondere die zwei warmen Mahlzeiten pro Tag, lief erstaunlich reibungslos ab. Ein Beispiel für die Atmosphäre zwischen den Jugendlichen ist sicher auch folgendes: Ein Mittagsschlaf unter den Schatten spendenden Bäumen am „Circo Massimo" war ohne Besorgnis um unsere Wertsachen möglich. Unter normalen Bedingungen hätten wir wahrscheinlich eine Stunde später unsere Fotokamera auf dem Schwarzmarkt zurückkaufen müssen. Jedenfalls war der Weltjugendtag viel zu schnell zu Ende. Fest steht, dass es sich trotz anfänglicher Skepsis gelohnt hat, teilzunehmen, obwohl man gut eine Woche Unterricht in der Jahrgangsstufe 13 verpasst hatte. Fest steht auch, dass wir gerne am nächsten Weltjugendtag wieder teilnehmen würden, der 2002 in Canada stattfindet. Britta Tilgner |