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Herbstferien 2003 - "Die EU-Osterweiterung - Europas große Herausforderung" Drucken E-Mail
Geschrieben von Marcel   
„Die EU-Ost-Erweiterung - Europas große Herausforderung - Der lange Weg in die EU am Beispiel Tschechiens"

Die Europäische Union hat sich für das nächste Jahr der Herausforderung gestellt, die durchweg ärmeren osteuropäischen Staaten in die Union der vorwiegend reicheren westeuropäischen Länder zu integrieren. Bei den Beitrittskandidaten handelt es sich um Länder, die sich in den letzten 14 Jahren von planwirtschaftlich gelenkten Staaten mit einer kommunistischen Führung zu Marktwirtschaften mit einer demokratischen Rechtsordnung entwickelt haben. In den Herbstferien 2003 haben wir uns dem Thema „Die EU-Ost-Erweiterung - Europas große Herausforderung - Der lange Weg in die EU am Beispiel Tschechiens" angenommen.

Die meisten Kinder und Jugendlichen wissen leider nur sehr wenig über die Europäische Union und unsere osteuropäischen Nachbarn, und das Wenige erschöpft sich häufig in Vorurteilen. Die Konkurrenz auf dem deutschen Arbeitsmarkt durch osteuropäische Arbeitsemigranten hat in einer Zeit hoher Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren bei uns auch nicht zu einem positiven Stimmungswechsel beigetragen.

Von einem normalen nachbarschaftlichen Verhältnis mit der Kenntnis um die Geschichte, Gegenwart und kulturelle Eigenheiten des anderen sind Deutsche  und Tschechen noch weit entfernt.

Mit Deutschland und Tschechien nähern sich anders als beim deutsch-französischen Verständigungsprozess Anfang der 60er Jahre nicht zwei industriell sehr ähnlich entwickelte Länder an. Deutschland, eines der größten Industrieländer der Welt, trifft auf Tschechien, das gerade den Weg von der Planwirtschaft zur sozialen Marktwirtschaft mit sehr vielen Anstrengungen gemeistert hat, mit all den Problemen, die dieser Prozess mit sich bringt.

Wir wollten die unterschiedlichen materiellen Lebensverhältnisse unter Berücksichtigung der ungleichen geschichtlichen Entwicklungswege der beiden Länder erarbeiten. Dadurch versuchten wir fremd erscheinende Verhaltensweisen und Problemsituationen zu erklären. Die Begegnungen, Gespräche und Besichtigungen in Tschechien sollten einen Überblick über die Lebenssituationen in einem fremden Land, den (internationalen) Gedankenaustausch und somit den heute sehr wichtigen interkulturellen Lernprozess erleichtern. Interkulturelles Lernen bedeutet, dass Menschen verschiedener kultureller Herkunft sich austauschen und voneinander lernen. Voraussetzung dafür ist, dass die kulturellen Unterschiede wahrgenommen werden, dass man den anderen akzeptiert und zugleich die eigene Kultur nicht als besser oder richtiger bewertet. Die Jugendlichen lernten, sich mit anderen Kulturen auseinander zu setzen, die Unterschiede zur eigenen zu verstehen und zu akzeptieren und ggf. die eigenen Vorurteile abzubauen.

Wir wollten aber auch der Frage nachgehen, weshalb für diese Länder der EU-Beitritt so wichtig ist und damit unser Europa-Verständnis vielleicht ein wenig überdenken oder erweitern.

Die Bildung altersspezifischer Kleingruppen erlaubt es uns, mit einer unterschiedlichen methodischen Gestaltung auf die einzelnen Altersstufen einzugehen. In altersübergreifenden Kleingruppen können die Teilnehmer von ihrem Wissen und ihrer Kreativität gegenseitig profitieren.

Ursprünglich wollten wir die ersten drei Tage im Riesengebirge verbringen und dann weiter nach Prag fahren. In der ersten Unterkunft hätten uns zahlreiche Gruppenräume und ein großer Saal, der etwa die fünffache Fläche des großen Saals in Cassel hat, zur Verfügung gestanden. Außerdem hätten wir neben der Hauptstadt Prag auch eine ländliche Region kennen gelernt. Doch die für die Vergabe der Mittel aus dem Landesjugendplan NRW Verantwortlichen waren in diesem Jahr von unserem Projekt nicht zu überzeugen und so mussten wir kurzfristig umplanen. Die ersten vier Tage haben wir in Cassel dazu genutzt, mit themenorientierten Geländespielen, Kleingruppen und einem großen Planspiel zur EU-Osterweiterung die wichtigsten Grundlagenkenntnisse zu vermitteln. Dabei hat sich gezeigt, dass dies wirklich nur eine Notlösung war. Cassel bietet trotz Nutzung beider Häuser für so viele Personen einfach nicht genügend Schlafplätze und vor allem nicht genügend Gruppenräume. In dem Sommerzeltlager können wir alle größeren Schlafräume als Tagesräume umräumen, in den Herbstferien ist dies jedoch nicht möglich, wenn wir in diesen und zusätzlich noch in drei Gruppenräumen übernachten. Nach unserem Aufenthalt in Cassel sind wir dann nach Tschechien gestartet.

Über die wichtigsten Beitrittskriterien haben wir die Teilnehmer in Cassel im Rahmen eines Geländespiels informiert. Die Kinder und Jugendlichen hatten an verschiedenen Posten zu erläutern, wie es ihnen gelungen ist, ein bestimmtes Kriterium zu erfüllen. Konnten sie z. B. nicht beschreiben, mit welchen konkreten Maßnahmen sie z. B. die Zollunion in ihrem Land eingeführt haben, hat der Gruppenleiter ihnen dies erläutert. An einem anderen Posten konnten sie dann später mit ihren neu erworbenen Kenntnissen das Kriterium dann nachträglich erfüllen.

Das Planspiel zur EU-Osterweiterung sollte die Teilnehmer dazu motivieren, sich mit der Situation im eigenen Land und den anderen Ländern auseinander zu setzen, die Schwierigkeiten zu erkennen und die unterschiedlichen Interessen zu vereinen. Das Rollenspiel wurde in insgesamt sieben alterspezifischen Kleingruppen mit jeweils 12 Rollen gespielt, damit jeder Teilnehmer ein eigenes Land vertreten konnte und genügend Zeit hatte, selbst zu Wort zu kommen. In den ersten zwei Stunden wurde die Situation vom Präsidenten der EU-Kommission, dessen Rolle durch einen Gruppenleiter wahrgenommen wurde, erläutert und die übrigen Rollen (6 EU-Mitglieder und 5 Kandidaten, u. a. Tschechien) verteilt. Jeder Teilnehmer erhielt eine gut strukturierte Informationen zu seinem Land und zu seinen Interessen. Darin war auch vermerkt, mit welchen Kritikpunkten und Erwartungen von den anderen Ländern zu rechnen war, sodass auch jüngere Teilnehmer mit den Unterlagen arbeiten konnten. Die Gruppenleiter standen den Teilnehmern für mögliche Fragen natürlich die ganze Zeit zur Verfügung.

Die Kinder und Jugendlichen sollten zu der Präsentation ihrer Interessen die wichtigsten Punkte auf Plakate notieren, die dann während der nachfolgenden Beratungen hängen blieben. Damit sollte den übrigen Teilnehmern die spätere Diskussion erleichtert werden. Nach der sog. Einweisungs- und Vorbereitungsphase begann dann die Konferenzphase mit den Beratungen, welche Länder aufgenommen werden sollten.

Nach der Auswertung des Planspiels sind wir dann für den zweiten Teil der Herbstfahrt nach Tschechien gestartet, um vor Ort zu erfahren, welche Anstrengungen und Opfer die Bevölkerung erbringen musste, um in die EU aufgenommen zu werden. Wir haben uns mit sozialen, arbeitsweltbezogenen, bildungspolitischen, touristischen, ökologischen und ökonomischen Fragen unter Berücksichtigung der ungleichen geschichtlichen Entwicklung der bisherigen EU-Mitgliedsstaaten und der neuen Beitrittsländer auseinander gesetzt. Dabei haben wir in Tschechien Orte und Menschen besucht, von denen wir uns Antworten auf unsere zahlreiche Fragen erhofften.
Auf unserem Programm standen die Besichtigung des Skoda-Werkes, eine Stadtrundfahrt durch Prag, die die Veränderungen dort in den letzten 15 Jahren aufzeigen sollte, die Besichtigung von deutschen Industrie- und Handelsunternehmen, die in Tschechien investiert haben, sowie Gespräche im EU-Informationszentrum und in der deutschsprachigen katholischen Pfarrgemeinde in Prag.

Aber auch die Vergangenheit hat uns interessiert: Ein Stadtrundgang zu den Ereignissen in den Jahren 1968 und 1989 in Prag sollte die Lebenssituation vor 1989 aufzeigen und die damit verbundenen Anstrengungen nach der samtenen Revolution verdeutlichen. Mit großer Betroffenheit haben die Kinder und Jugendlichen bei einem Rundgang durch die Gedenkstätte Theresienstadt und das jüdische Viertel in Prag erfahren müssen, wie viele Juden von 1941 bis 1945 dort getötet worden sind.