Gott suchen und finden in allen Dingen - Religiöse Jugendarbeit in der KSJ
Geschrieben von Marcel   
Die beiden KSJ-Gruppen sind an zwei katholischen Gymnasien tätig, eines in Trägerschaft des Jesuitenordens und eine Mädchenschule in Trägerschaft des Erzbistums Köln. Damit liegt die Vermutung sicherlich nahe, dass die Schülerinnen und Schüler religiösen Elementen sehr aufgeschlossen und interessiert gegenüber stehen. In den letzten Jahren hat sich jedoch gezeigt, dass mit den Aktivitäten der KSJ fünf verschiedene Zielgruppen erreicht werden müssen.

  • Die Kinder und Jugendlichen sind bereits im Elternhaus religiös geprägt worden. Seit ihrer Kommunion sind sie Mitglied in der Ministranten- oder Jugendgruppe der Pfarrgemeinde. Diese Zielgruppe wird sich auch in der KSJ sicherlich sehr interessiert an religiösen Angeboten beteiligen.
  • Auch die zweite Gruppe ist in einem christlich geprägten Elternhaus aufgewachsen. Eine Einbindung in die Pfarrgemeinde fehlt jedoch. Häufige Gründe hierfür sind entweder fehlende oder unzureichende Angebote oder das fehlende Interesse der Kinder, weil die eigenen Freunde diese Angebote nicht (mehr) nutzen. An den religiösen Angeboten der KSJ beteiligen sie sich, da sie mit ihrem Freundeskreis dort ihre Freizeit verbringen.
  • Die Kinder und Jugendlichen sind getauft und haben das Sakrament der Kommunion empfangen, haben sonst aber kaum einen Bezug zur Kirche. Diese Kinder und Jugendlichen sollen einerseits die liturgischen Formen und ihre Bedeutung verstehen lernen, anderseits auch einen Zugang zum Evangelium finden.
  • Die Schülerinnen und Schüler der vierten Gruppe sind nicht getauft worden, ihre Eltern haben sie aber bewusst an einem katholischen Gymnasium angemeldet, damit sie befähigt werden, selbst über eine Aufnahme in die Kirche zu entscheiden. (vgl. vorherige Gruppe)
  • Die fünfte Gruppe steht allen religiösen Elementen eher ablehnend gegenüber. In dieser Gruppe ist sicherlich die größte pädagogische Herausforderung zu sehen. Sie sind für ein religiöses Leben zu interessieren, gleichzeitig ist aber darauf zu achten, dass ihr Desinteresse nicht auf andere Kinder und Jugendliche überschlägt.

Als Anknüpfungspunkte einer religiösen Jugendarbeit sollten Angebote genutzt werden, die den Interessen und Erwartungen der Zielgruppe gerecht werden. Die Kinder und Jugendlichen besuchen die wöchentlichen Gruppenstunden und nehmen an Lagern, Fahrten und Schulungen in erster Linie teil, weil sie Spaß in einer Gruppe Gleichaltriger suchen. Thema und Ziel einer Fahrt können noch so attraktiv sein, Kinder und Jugendliche sind nur schwer für eine Veranstaltung zu interessieren, wenn aus ihrer Jahrgangsstufe nur wenige Freundinnen und Freunde teilnehmen.

Die KSJ hat es in dieser Hinsicht als Schülerinnen- und Schülerverband durch ihre Anbindung an Gymnasien relativ einfach. Die Kinder und Jugendlichen treffen sich wöchentlich in ihren Gruppenstunden mit 10 bis 20 Jungen oder Mädchen der gleichen Jahrgangsstufe. Durchschnittlich mehr als die Hälfte der Gruppenmitglieder einer Jahrgangsstufe meldet sich auch für die für ihre Altersstufe angebotenen Lager, Fahrten und Schulungen an.

Aber es gibt auch Situationen, in denen die Kommunikation der Jugendlichen offensichtlich nicht so gut funktioniert. So hatten sich für die Osterfahrt 2001 nur fünf Interessenten aus dem Jahrgang 9 angemeldet. Auf Rückfragen wurde sehr häufig geantwortet: „Interesse habe ich schon, aber es fährt ja sonst niemand aus meinem Jahrgang mit." Ein gesonderter Brief an diesen Jahrgang regte die Jugendlichen zu einer verstärkten Kommunikation untereinander an und so lagen schließlich 26 Anmeldungen vor.

Es ist heute nur sehr schwer möglich, Kinder und Jugendliche zur Teilnahme und Gestaltung von religiösen Angeboten (z. B. Gottesdienste, Früh- oder Spätschichten) außerhalb unserer mehrtätigen Veranstaltungen zu bewegen. Doch mehrtägige Veranstaltungen eröffnen uns da ganz andere Möglichkeiten:
  • Die Kinder und Jugendlichen lernen, in einer Gemeinschaft zu leben und Verantwortung zu übernehmen. Dabei möchten wir ihnen positive Gruppenerfahrungen wie Solidarität, Vertrauen und Offenheit ermöglichen.
  • Wir setzen uns mit gesellschaftlichen Problemen auseinander und versuchen, unsere Gesellschaft nach dem Evangelium zu gestalten. Die bewährten ganzheitlichen und praktischen Formen des Lernens (Sehen - Urteilen - Handeln), die wir bei allen unseren Projekten einsetzen, gewährleisten es, dass die Kinder und Jugendlichen die Informationen nicht nur als wertneutrale Nachrichten unter vielen aufnehmen, sondern sich, orientiert an christlichen Werten, ein eigenes Urteil bilden und nach Möglichkeiten suchen, ihr eigenes Verhalten zu überdenken oder sich für andere einzusetzen.
  • Die Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter bemühen sich mit der Unterstützung erwachsener Mitarbeiter und Priester um eine an christlichen Werten orientierte Persönlichkeitsbildung und stehen den Kindern und Jugendlichen auch außerhalb der Veranstaltungen als Vertrauensperson und Gesprächspartner zur Verfügung, begleiten sie bei ihrer Persönlichkeitsbildung, beraten und unterstützen sie in Problemsituationen und bei wichtigen Entscheidungen und greifen notfalls korrigierend ein.
Dabei sind wir bestrebt, die Kinder und Jugendlichen ganzheitlich zu fördern, damit sie alle ihre Anlagen und Fähigkeiten entwickeln können. Dazu gehört auch die Unterstützung in ihrer Glaubensfindung und der Entscheidung für Jesus Christus. Unser Handeln zielt auf die Erziehung junger Menschen zur Mündigkeit und Partizipation im Jugendverband, Schule, Kirche, Gesellschaft und Staat.
  • Die KSJ versteht sich als Gemeinschaft von suchenden Christen, die sich am Evangelium orientieren und sich Jesus Christus zum Maßstab ihres Lebens nehmen. Die KSJ will aber auch mit ihrem „Zeugnis ohne Worte", das sich in der pädagogischen Arbeit und in der Präsenz entfaltet, junge Menschen für Jesus begeistern, die keine oder nur wenig Berührung zum christlichen Glauben haben. Kinder und Jugendliche beobachten sehr genau, wo sie Menschen finden, die sie ernst nehmen und sich für ihre Anliegen Zeit nehmen.
  • Die KSJ möchte das christlich motivierte Engagement für andere fördern und die notwendigen Rahmenbedingungen dazu bieten. Die älteren Gruppenmitglieder ermöglichen mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit jüngeren Gruppenmitgliedern eine sinnvolle Freizeitgestaltung in einer Gleichaltrigengruppe. Aber auch die „Jüngeren" können je nach Alter und Fähigkeiten Aufgaben für die Gemeinschaft übernehmen. Soziale Projekte (z.B. Spendensammlungen) ergänzen das wertvolle Engagement innerhalb des Verbandes.
  • Der Dienst am Menschen, der an Jesus Christus Maß nimmt und zur Nachfolge einlädt, ist uns ein wichtiges Anliegen. Mit unserer Jugendverbandsarbeit wollen wir als ergänzende Sozialisationsinstanz zu Familie und Schule das Hauptziel jesuitischer Erziehung unterstützen „Männer und Frauen für andere heranzubilden" (Grundzüge Jesuitischer Erziehung, Rom 1986, Abschnitt 5.3).
  • Jeden Tag beginnen und beenden wir mit unseren Morgen- und Abendgebeten, die gemeinsame Erlebnisse aufgreifen und den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeiten bieten, sich aktiv zu beteiligen. Ganz wichtig ist, dass unsere Gebete und Erzählungen nicht an der Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler vorbeigehen. Der abendliche Tagesrückblick soll anhand einiger Leitfragen dazu anregen, noch einmal über die vergangenen 24 Stunden nachzudenken. In uns selbst, in unserem Mitmenschen und unserer Umwelt und vor allem im Umgang mit unseren Nächsten und mit Gottes Schöpfung können wir Gott erkennen und begegnen.
  • Bei der Gestaltung eigener liturgischer Elemente zusammen mit den Kindern und Jugendlichen muss berücksichtigt werden, dass der Aufbau einer Messfeier und die Bedeutung der einzelnen Elemente vielen jungen Menschen nicht bekannt ist. Der Einsatz eigener liturgischer Formen setzt aber ein Verständnis traditioneller Elemente voraus. Dann können wir die gemeinsamen Erlebnisse der Veranstaltung und die der Lebenssituation der Kinder und Jugendlichen mit der christlichen Tradition in Verbindung setzen. Die Gottesdienste, die wir im Rahmen unserer themenorientierten Lager vorbereiten und feiern, orientieren sich am Leitthema der Veranstaltung.
Dies möchte ich an zwei Beispielen noch einmal verdeutlichen:

Osterfahrten mit der Vorbereitung und Feier der Kar- und Ostertage

Radtouren und Wanderungen durch faszinierende und abwechslungsreiche Landschaften, antike Baudenkmäler, malerische Dörfer und Strände; so könnte man unsere Osterfahrten umschreiben, an denen jedes Jahr bis zu 80 Jugendliche ab Klasse 7 teilnehmen. Doch da fehlt noch etwas: Die gemeinsame Vorbereitung und Feier der Kar- und Ostertage, mit der wir auch Jugendliche ansprechen wollen, die zu einer Teilnahme an Kar- und Ostertagen im „klassischen" Stil nicht zu motivieren wären.

Mehr als die Hälfte der Jugendlichen hat außerhalb der KSJ noch nie an den Gottesdiensten der Kar- und Ostertage teilgenommen. Kaum ein Jugendlicher hat sich vorher schon einmal in dieser Intensität mit der Bedeutung der Texte und den liturgischen Elementen der Gottesdienste beschäftigt.

Die Messe am Gründonnerstag, einen Kreuzweg, die Karfreitagsliturgie und die Osternacht bereiten wir mit den Jugendlichen unterwegs vor und arbeiten dabei deren Bedeutung für das Leben des Einzelnen heraus.

In die Messe am Gründonnerstag beziehen wir die Elemente der jüdischen Paschafeier ein. Deren Symbole werden den Jugendlichen vor und während der Messfeier erläutert. Die Vorbereitung des Kreuzwegs soll den Teilnehmern dabei helfen, die Bedeutung der einzelnen Stationen auf ihre eigene Lebenswirklichkeit zu übertragen und dies in den Texten und Gebeten zum Ausdruck zu bringen. Auch die Karfreitagsliturgie wird zusammen mit den Jugendlichen erarbeitet und gestaltet. Dabei ist es uns ein besonderes Anliegen, dass sie den Ursprung der Karfreitagsliturgie und der einzelnen Texte und Gesänge verstehen lernen. Das emotionale Erlebnis der Osternacht kann durch einen Sonnenaufgang während der Feier noch verstärkt werden.

Den Teilnehmern werden während der gemeinsamen Fahrt zahlreiche Möglichkeiten geboten, über Fragen ihres persönlichen Glaubens in unterschiedlichsten Lebensbereichen und Aktivitäten in einer Gleichaltrigengruppe nachzudenken und diese in die Gestaltung neuer liturgischer Formen einzubringen. Die Auseinandersetzung mit den Texten basiert auf der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen und den gemeinsamen Erlebnissen und Erfahrungen während der Fahrt. Insofern werden die Osterfahrten unserem Anspruch voll und ganz gerecht, jungen Menschen ein Experimentierfeld und Erfahrungsraum im persönlichen und gemeinsamen Glauben zu ermöglichen.

Die Osterfahrten eröffnen uns die Möglichkeit, an die Osterbotschaft auch Jugendliche heranzuführen, die Kar- und Ostertage im „traditionellen" Sinne nicht besuchen würden. Bei den Teilnehmern steht zu Beginn nicht das Interesse an den liturgischen Elementen im Vordergrund, sondern der Spaß in einer Gleichaltrigengruppe. Die Begeisterung für die Gemeinschaft, die Radtouren und Wanderungen sowie faszinierende Landschaften schlägt so aber schnell über in eine Begeisterung für die „Frohe Botschaft", das Evangelium.

Weltjugendtag 2000 in Rom:

35 bis 40° C im Schatten, weit über 50 Grad in der Sonne. Eines ist gewiss: Diese Tage werden in Erinnerung bleiben und das nicht nur wegen der Hitze. Fünf Tage in der Toskana, eine Kombination aus Kultur- und Strandurlaub. Florenz, San Gimignano, Siena, Lucca, Pisa und Massa Marittima, die Stationen in der Toskana, anschließend zwei Tage am Meer. Am Dienstag sind wir dann in Rom angekommen. Von der Gastfreundschaft und Hilfsbreitschaft der Italiener waren alle beeindruckt.

Im Gegensatz zu den Katholikentagen in Deutschland ging es in Rom weniger um eine Auseinandersetzung mit kirchlichen und gesellschaftlichen Themen, sondern um neue Glaubenserfahrungen und Begegnungen. Nach einem von dem Münsteraner Weihbischof Heinrich Janssen zelebrierten Gottesdienst, den wir zusammen mit über tausend Jugendlichen aus den Bistümern Köln und Münster in der total überfüllten Kathedrale von Palestrina gefeiert haben, fasste ein jüngerer Teilnehmer seine Eindrücke mit den Worten zusammen: „Das war ja eine Stimmung wie auf einem Rockkonzert". Kirche sollte für die Jugendlichen zu einem Erlebnis werden und wurde es. Der Weltjugendtag als „Mega-Fest", wie ihn der Jugendbischof Franz-Josef Bode bezeichnete. Es war schon beeindruckend, mit welcher Selbstverständlichkeit junge Menschen, die in Deutschland in der Gruppe Gleichaltriger selbst Hemmungen haben, Worte wie „Christ" oder „Glauben" nur in den Mund zu nehmen, ihren Glauben in Rom zum Ausdruck brachten.

Zentrale Fragen des Glaubens standen in den Katechesen auf dem Programm, Menschwerdung Gottes und Auferstehung Jesu, nicht Zölibat, Frauenpriestertum oder Kirchendemokratie. Die deutschen Teilnehmer haben sich von der weltweiten Begeisterung für den Papst anstecken lassen, kritische Stimmen waren so gut wie nicht zu hören. Die Abschlussveranstaltung am Tor Vergata, zu der sich über 2 Millionen Menschen aus über 160 Ländern der Erde zusammengefunden und die Nacht unter freiem Himmel verbracht haben, wird den Teilnehmern sicherlich noch ihr ganzes Leben in Erinnerung bleiben.

Es bleibt nur zu hoffen, dass die Jugendlichen ihre Freude an einer christlichen Gemeinschaft und die Unbefangenheit, ihren Glauben zu leben, aus Rom in ihre Heimatländer mitgenommen haben und so auch allen Daheimgebliebenen das Erlebnis einer lebendigen Kirche vermitteln werden.

Hätten sich genügend Teilnehmer gefunden, wenn wir ausschließlich am Weltjugendtag teilgenommen hätten? Welcher Teilnehmer ist nach dem Weltjugendtag nicht glücklich darüber, dass er bei den gemeinsamen Gottesdienste in Palestrina mit Jugendlichen aus den Diözesen Köln und Münster und der Abschlussveranstaltung am Tor Vergata mit jungen Menschen aus aller Welt dabei sein durfte?

Fazit: Diese beiden Beispiele zeigen, dass es auch heute noch genügend Anknüpfungspunkte für eine religiöse Gruppenarbeit gibt. Sie müssen nur neu entdeckt und ausgefüllt werden. Darin besteht die Herausforderung für die Geistlichen Leiter und erwachsenen Mitarbeiter in der kirchlichen Jugendarbeit.