Ist katholische Jugendverbandsarbeit noch zeitgemäß?
Geschrieben von Peer Ulrich Fleischhauer   
Betrachtungen auf Grundlage des Pastoralen Rahmenkonzeptes für die kirchliche Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit im Erzbistum Köln

Die Jugend von heute hat wohl, objektiv betrachtet, nicht mehr viel gemein mit der Jugend im Jahre 1919, dem Jahr in dem der Bund Neudeutschland gegründet wurde. Die Jungengemeinschaft dieses Bundes lebt trotzdem bis heute, zusammen mit dem Mädchenkreis des Heliandbundes, in der Katholischen Studierenden Jugend weiter. Damals wollten junge Menschen nach dem Ersten Weltkrieg, inspiriert von der Jugendbewegung, ein neues Deutschland schaffen (daher auch der Name ND).

Die Jugendlichen heute haben das große Glück, in einer Zeit des Friedens und der Demokratie auf zu wachsen. Aber gibt es nicht trotzdem Aufbauarbeit zu leisten? Anerkanntermaßen leben wir in einer äußerst schnelllebigen Gesellschaft, in der sich auch die Jugendzeit grundlegend geändert hat.

Diese Problematik haben auch die Verantwortlichen der kirchlichen Jugendarbeit im Erzbistum Köln erkannt und deshalb nach umfangreichen Gesprächen, Diskussionen und Untersuchungen in den Jahren 1994 bis 1998 ein Rahmenkonzept erarbeitet, das die Grundlagen der kirchlichen Jugendarbeit umreißen soll, aber zugleich auch als Leitfaden für die - an sich von den kirchliche Institutionen unabhängigen - Jugendverbänden im Erzbistum Köln dienen kann. Dieses Rahmenkonzept wurde am 02.03.1999 von unserem Erzbischof verbindlich in Kraft gesetzt. Auf Grundlage dieses Rahmenkonzeptes wurde der vorliegenden Artikel als eine Art Zusammenfassung mit eigenen Ergänzungen für die Jugendverbandsarbeit erstellt.

Aber zurück zur Aufbauarbeit: Die Jugendphase ist heute, auch bedingt durch die deutlich verlängerten Ausbildungszeiten der Jugendlichen, erheblich verlängert. Mit den stark veränderten Verhältnissen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt hat sich daher auch die Jugendzeit merklich verändert. Es ist wichtig, schon früh einen guten Grundstein für die spätere Karriere zu legen. Beruf soll Erfüllung sein, Spaß machen sowie Macht und Geltung bringen, wobei die einzelnen Punkte verschieden stark ausgeprägt sind. In Verbindung mit den, zumindest für viele Jugendliche, bedrohlichen Zahlen der Ausbildungsplatz- und Arbeitslosen entsteht so tendenziell ein stärkerer Druck auf schulische Leistungen. Gut sein allein genügt nicht, man muss besser sein als die anderen. Zugleich aber hat die Wirtschaft die Jugend als zahlungskräftige Zielgruppe erkannt und umwirbt sie stark. Wenn das Taschengeld für das Statussymbol Handy nicht ausreicht, muss eben ein Nebenjob her um Geld zu verdienen. Ich will die Nebenjobs nicht generell verteufeln - wer hat nicht gerne ein wenig mehr Geld zur Verfügung - aber ich erlebe, dass manch ein Jugendlicher vor lauter Schule, Nachhilfe und Nebenjob kaum noch Zeit hat, seine Jugend zu genießen, oder gar sich aktiv an der Jugendverbandsarbeit zu beteiligen. Zudem, und das liegt in meine Augen zum einen an der Schnelllebigkeit und zum anderen an der Konsumorientierung unserer Zeit, haben Jugendliche leider häufig kein Interesse, sich längerfristig an etwas zu binden oder von jemandem in die Pflicht nehmen zu lassen. Sie verbringen die verbleibende freie Zeit lieber mit modernen Medien (Computerspiele, Internet, Fernsehen, Kino etc.) als dass sie sich für eine Gruppe engagieren. Daher wird von Soziologen auch häufig der Ausdruck „Fun-Generation" verwendet.

Aber ohne eine gewisse Eigenverpflichtung und Engagement der ehrenamtlichen Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter ist z.B. eine kontinuierliche KSJ-Arbeit nicht denkbar. Die Gruppe lebt davon, dass Jugendliche für eine bestimmte Zeit (i.d.R. mindestens ein Schuljahr) bereit sind, regelmäßig an Treffen teilzunehmen und einen Teil ihrer kostbaren Freizeit in den Dienst der Allgemeinheit, hier der Kinder und Jugendlichen in der Gruppe, zu stellen. Diese Problematik gilt grundsätzlich erst einmal für jede Art von Verein, ob Schwimmverein oder Schachclub.

Zugleich treten in der Gesellschaft aber auch noch viele Individualisierungstendenzen auf einem ganz anderen Gebiet, nämlich in Glaubensfragen auf. Während früher Kinder Glauben in einer intakten Familie und einer lebendigen Kirchengemeinde erlebt haben, gibt es beides leider heute nicht mehr überall. Und selbst in vielen intakten Familien spielt Glaube heute nur noch eine untergeordnete Rolle, so dass sich Jugendliche hier auch umorientieren: Die Zahl der Sekten und deren Zulaufzahlen sind - für mich als Katholiken - erschreckend.

Hier setzt jetzt wiederum das Rahmenkonzept an und zeigt Möglichkeiten auf all diesen Trends sinnvoll zu begegnen. Die Autoren nennen das Evangelisierung, wobei ein Satz von Papst Pius XII. zum Träger dieser Evangelisierung mir besonders zusagt und wichtig erscheint: „Die ersten Apostel der Jugend sind die Jugendlichen selbst." Hier wird das Prinzip der Jugendverbandsarbeit und damit auch der KSJ „Jugend leitet Jugend" explizit hervorgehoben. Diese Evangelisierung wird an sechs Aspekten näher erläutert. Ich habe im Folgenden versucht, diese auf unsere KSJ-Arbeit zu beziehen:

  • Unser Handeln zielt auf die Erziehung junger Menschen zur Mündigkeit und Partizipation in Kirche, Gesellschaft und Staat.
  • Wir wollen uns immer wieder selbst prüfen, ob wir in unserem persönlichen Lebensstil und in unseren Handeln einzeln und gemeinschaftlich dem Anspruch Jesu Christi gerecht werden.
  • Wir sind bemüht, Gemeinschaften aufzubauen, die nicht nur Mittel zum Zweck, sondern selbst ein Ziel unserer Jugendarbeit sind: Ein Ort, wo menschliches Miteinander mit all seinen Aufgaben und Bedingungen erfahren werden kann und darum zuletzt auch Kirche und Gemeinde mit ihren Aufgaben und Voraussetzungen.
  • In dem Zusammensein der Leiterschaft bemühen wir uns auch um eine spirituelle Kultur, in der wir unser Leben vor Gott tragen und aus seiner Perspektive bedenken können.
  • Auch wenn wir mit den Kindern und Jugendlichen nicht von Gott sprechen können, ist schon das „Zeugnis ohne Worte", das sich täglich in unserer pädagogischen Arbeit und im Dasein für junge Menschen entfaltet, ein wirksames Zeugnis von Gott. Wenn wir daher unsere Arbeit glaubwürdig und engagiert für die jungen Menschen tun, ruft dies unwiderstehlich Fragen hervor, die uns die Möglichkeit bieten, von der Hoffnung zu erzählen, die in uns ist.
  • Die jungen Menschen sind nicht nur Adressaten unseres Handelns, sondern auch eigenständig Handelnde. Wir bieten ihnen Raum für ein ehrenamtliches Engagement, bei dem persönliche Entfaltung, Selbstorganisation, Interessenvertretung und Partizipation prägend sind.

Diese Aspekte klingen zum Teil zwar etwas hochgestochen, sie sollen aber das Ziel sein, das vor unseren Augen ist. Dabei ist es die Aufgabe von uns älteren, die jüngeren Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter behutsam in Richtung dieses Ideals zu leiten und vor allem ihnen die enthaltenen Werte authentisch vorzuleben. Aus diesen Aspekten leitet das Rahmenkonzept Anforderungen ab, die in dieser oder ähnlicher Form auch im Grundsatzprogramm der KSJ, der Plattform, zu finden sind. Diese Handlungsanforderungen will ich nun abschließend unverändert wiedergeben:

  • Jungen Menschen eine eigenständige und unverzichtbare Kraft beim Aufbau der Kirche und Gesellschaft zuzuerkennen.
  • Vor allem im Dialog die „Zeichen der Zeit" in den sehr unterschiedlichen Lebenssituationen junger Menschen wahrzunehmen und zu deuten.
  • Jungen Menschen helfen, Christus zu entdecken, ihm zu folgen und zu ihrem Glauben zu stehen, dabei aber Andersglaubenden wertschätzend zu begegnen.
  • Bereit zu sein, die Botschaft Jesu Christi durch das Zeugnis des Lebens zu verkündigen - als Zeugnis in Wort und Tat und in der Feier des Glaubens.
  • Sich bewusst als Teil der Kirche zu verstehen, indem sie sich bemühen, aus der Schrift zu leben, betende Menschen sind und den Gottesdienst der Kirche besonders im Empfang der Sakramente mitfeiern.
  • Sich immer wieder neu um die eigene Selbstevangelisierung zu bemühen und an der Evangelisierung der Kirche mitzuwirken.
  • Die Subjektwerdung der jungen Menschen als Ziel ihres Handelns vor Augen zu haben.

Diese Aufgaben sind mannigfaltig und gerade in unsere Zeit nicht einfach. Aber es hat in meinen Augen genau etwas von dem Neuaufbau der Gesellschaft, den auch schon die Gründer des ND 1919 vor Augen hatten. Wir können in unserem Verband nicht alle Aufgaben auf einmal bewältigen, aber wir können sie angehen und als Messlatte für unsere Jugendarbeit verstehen. Somit schließt sich der Kreis und die Frage aus der Überschrift lässt sich mit einem klaren JA beantworten: Jugendverbandsarbeit ist heute noch zeitgemäß.

Peer Ulrich Fleischhauer

(Wer das „Pastorale Rahmenkonzept für die kirchliche Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit im Erzbistum Köln" einmal komplett lesen möchte, erhält dieses beim Herausgeber: Katholische Jugendarbeit des Erzbistum Köln e.V., Marzellenstrasse 32, 50668 Köln, Tel.: (0221) 1642-1365, Fax: (0221) 1642-1400)