Zur Navigation | Zum Inhalt
Ihr seid nicht nur in der Kirche... - zur Entstehung des ND Drucken E-Mail
Geschrieben von Administrator   
1919 - das war eine zerrissene Zeit, damals. Ich erinnere mich noch sehr gut an das Jahr, ich war 15 und Schüler am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Köln. In Deutschland war Revolution, aus dem Feld heimkehrende Soldaten prägten das Stadtbild, und viele Menschen liefen auf der Suche nach Lebensmitteln und anderem durch die Straßen; es war ja alles rationiert. Aber der Krieg war endlich vorbei, Gott sei Dank, beendet das sinnlose Morden, und auf einmal änderte sich sehr viel, auch für uns Katholiken. Das erste war, dass mein Onkel Albert, der als Jesuit in Valkenburg (Holland) gelebt hatte, nun endlich nach Köln zurückkehren durfte; seit 1872 war dem Jesuitenorden ja das Arbeiten im Deutschen Reich untersagt worden. Überhaupt war mit dem Ende der preußischen Kaisermonarchie nun auch der Staatsprotestantismus endgültig passé, für uns als rheinische Katholiken damit der letzte Rest von Kulturkampf gegen uns beendet.

Da ging an allen Schulen auf einmal das Gerücht um, dass unser Kardinal Hartmann mit uns katholischen Jungen etwas vorhabe, ein Verein sollte gegründet werden. Nun, um ehrlich zu sein, hatten wir schon unseren Club in meinem Freundeskreis. Offiziell waren Schülerverbindungen im Kaiserreich ja verboten, von wegen »staatsgefährdenden Tendenzen«, aber wir hatten uns trotzdem getroffen. Eigent-lich gab es solche Clubs wie den unseren ja auch überall. Jedenfalls, am 31. Juli war es dann tatsächlich so weit: Die Gründung des »Bundes Neu-Deutschland«, als Gemeinschaft katholischer Schüler an höheren Lehranstalten. Unser erster Generalsekretär wurde Pater Ludwig Esch SJ; überhaupt spielten die Jesuiten eine große Rolle für unseren Verband. Vor allem die Exerzitientage nach Ignatius v. Loyola haben mich und meine Freunde in der folgenden Zeit sehr geprägt. Aber ich schweife ab...

Der Name »Neu-Deutschland« mag für euch heute etwas befremdlich klingen, aber er hat doch bis jetzt seinen Sinn nicht verloren: Wir wollten ein ganz neues Deutschland schaffen - in dem so eine Katastrophe wie der schreckliche Krieg nicht mehr möglich sein würde; eben aus dem Leben Jesu Christi heraus. Das war für uns ein wichtiger Impuls, Glauben und Alltag zu verbinden. So kam es dann auch in unser »Hirschbergprogramm«: »neue Lebensgestaltung in Christus«. Unser Verband wuchs schnell: 1921 umfasste der »ND« bereits 320 Ortsgruppen mit 2500 Mitgliedern!

Während der Anfang noch »von oben« initiiert war, änderte sich das jetzt schnell: Schon der 4. Bundestag auf Burg Normannstein 1922 war ein Bekenntnis zur Jugendbewegung mit ihren Inhalten wie Natürlichkeit, Selbstverantwortung, freie Wahl der Führer, ... und diese Entwicklung wurde dann endgültig im Hirschbergprogramm von 1923. Es war auch klar, dass wir nicht mehr Verein oder Verband, sondern Bund sein wollten, d.h. nicht mehr von oben gelenkt, sondern selbstbestimmt! Ich glaube, damit haben wir uns endgültig auf eigene Füße gestellt; und die Jesuiten hielten da zu uns.

Mit eines der größten Erlebnisse war für mich die Romfahrt unseres Bundes Ostern 1926. Papst Pius XI. empfing uns zur heiligen Messe, die wir mit ihm in »Kluft«, offenes Fahrtenhemd und kurze Hose, mit Klampfen und Fiedeln als deutsche »Singmesse« feierten - für uns war das die endgültige »kirchenamtliche Bestätigung« auch unserer Formen, denn diese Art der Messfeier war eigentlich noch nicht erlaubt! Überhaupt war diese Fahrt ein unwahrscheinlicher Antrieb; wir spürten - wie es auch Pacelli, der spätere Papst Pius XII. formulierte: »Ihr seid nicht nur in der Kirche. Ihr seid Kirche.«

Bernd Göhrig

(Dieser »autobiographische Bericht« orientiert sich an historischem Material, den Erzähler gibt es aber nicht) Text aus: D!rekt, Zeitung der KSJ, 2 (1994) Seite 14.